Görlitz und ich

„Görlitz…? Das ist doch im Osten. Was willst Du denn da…?“ Ja! Ausgerechnet Görlitz! Diese Stadt in der östlichsten Ecke Deutschlands, an der Grenze zu Polen. Dort hat es mich hin verschlagen. In eine Hollywoodkulisse zwischen Braunkohletagebau und purer Landschaftsidylle. Hier meine Beobachtungen.

Glanz und Gloria trifft auf Verfall

Ganze Straßenzüge glänzen mit frisch renovierten Gebäuden aus der Gründerzeit. Dazwischen rottet es vor sich hin. Villen, Herrenhäuser, Pavillons, traumhaft schöne Mehrfamilienhäuser, einst prunkvolle Hotels und Geschäftshäuser. Aus ihren leeren Fenstern starren sie einem ins Gesicht. Ausgeschlachtet und teils mutwillig zerstört, dem Verfall Preis gegeben. Bäume wachsen aus Dachrinnen und Schornsteinen. Wasser bahnt sich seinen Weg in hohe Räume mit Stuck und Schiffbodenparkett. Durch eingefallene Decken kann man vom Erdgeschoss aus in den Himmel gucken.

Viele Besucher stehen kopfschüttelnd davor, doch es hat seinen Reiz. In einer Hollywoodkulisse kann man doch nicht ernsthaft leben wollen. Das Morbide verleiht dem Prunk erst seinen großen Auftritt. Das Trauern der Ruinen strahlt mehr Leben aus, als alles, was im Sonnenlicht glänzt. Es bohrt sich tief ins Herz.

Wer weiter in der Geschichte zurück will, läuft durch die Altstadt und die Nikolaivorstadt. Etage um Etage stapelt sich auf kunstvoll bemalten Eichenbalken übereinander und stellt fußlahme Bewohner vor ein Problem. Manche der Altstadthäuser sind vom Kellergewölbe bis unters Dach wie ein Labyrinth konstruiert. Ich hoffe, dass im Laufe der Jahrhunderte nicht allzu viele Menschen darin verloren gegangen sind.

Der Charme dieser Stadt ist einfach umwerfend. Ebenso die Mietpreise. Leerstand macht aus Vermietern angenehme Verhandlungspartner.

Die Görlitzer Situation

Doch der Leerstand sorgt nicht nur für gute Konditionen auf dem Wohnungsmarkt. Industriebrachen, Gewerbe- und ehemalige Gastronomieobjekte sind exzellente Spielplätze für Kunst, Kultur und Gründerszene. Nichts bietet mehr Raum für Ideen, als seit Jahren ungenutzte Flächen. Eine ganze Fabriketage als Atelier nutzen? In Hamburg oder Berlin unbezahlbar, in Görlitz erschwinglich. Wer wirklich gute Ideen hat, kann bei manchen Objekten durch Eigenleistung bei der Renovierung auf die Mietpreisgestaltung Einfluss nehmen. Wer den Mut hat, gleich ein paar Hektar Industriebrache zum hippen Wohnprojekt umzubauen, bekommt Unterstützung von der ganzen Stadt.

Diverse Projekte zur Wiederbelebung der leer stehenden Gebäude sorgen gerade für Furore. Das Nachtleben in Görlitz ist nicht immer hitverdächtig, kann aber durchaus überraschen. Die Kunst- und Musikszene ist hier recht gut vertreten, auch wenn nicht jeder Geschmack bedient wird. Kulturkracher wie das ViaThea-Festival stellen die Stadt im Juli auf den Kopf, die ortsansässige Landskron Brauerei bietet ein ziemlich umfangreiches Unterhaltungsprogramm. Und wer mehr braucht, kann sich ja ganz einfach in die Kunst-, Kultur- und Partyszene jenseits der Ländergrenzen stürzen. Meine Empfehlung: Breslau und Prag.

Die Einwohner von Görlitz teilen sich in Ureinwohner und Neugörlitzer. Was das bedeutet, kann man sich denken. Manchmal mischt sich das Publikum, manchmal nicht. Der Görlitzer hat seinen eigenen Humor, man muss als Zugezogener erstmal beweisen, dass man kein Besserwessi ist (klappt nicht immer). Der gemeine Görlitzer traut dem Neuen nicht so sehr, macht keinen Hype mit. Man sitzt die ganzen Spleens der Neuzeit einfach aus. Das finde ich so entspannend. Niemand will hier auf Teufel-komm-raus etwas darstellen. Da könnten sich viele Menschen im Rest der Republik eine ganz dicke Scheibe von abschneiden.

Görlitz drumherum

Die Landschaft rund um Görlitz kann wirklich in jeder Hinsicht punkten. Knuffige Ortschaften kleben an Hügeln und Bergen, endlose Obstbaumalleen und riesige Rapsfelder verwandeln sich im Frühling in ein Blütenmeer. Die sanften grünen Hügel der Oberlausitz schmeicheln dem Auge des Betrachters, und die Felsformationen im Zittauer Gebirge sind der absolute Hammer.

Der 60 ha große Berzdorfer See am Rande der Stadt ist die Pilgerstätte aller Naturfreunde, Inlineskater, Wasserratten und Lagerfeuerromantiker. In den Königshainer Bergen tummeln sich die Kletterer an den Wänden der alten Steinbrüche. Fährt man nach Tschechien rüber, taucht man in das Riesengebirge ein und trifft dort auf die berühmte Schneekoppe. Fährt man nach Polen rüber, kann man günstig Zigaretten kaufen.

Im Großen und Ganzen kann man in Görlitz so ziemlich alles finden und machen, was das Herz begehrt. Dort, wo etwas fehlt, muss man eben mal selbst aktiv werden. Diese Freiheit für den Geist, dieses Gefühl, dass aus jedem leer stehenden Gebäude Kraft für kreative Ideen quillt, schätze ich ganz besonders an Görlitz. Deshalb bin ich hier her gezogen. Die geniale Landschaft drumherum ist fast schon zu viel des Guten. In meinen Augen ist sie bloß das Kissen, auf dem sich die Stadt gerade einen Dornröschenschlaf gönnt.

Leute, zieht nach Görlitz! Ich muss ja nun erstmal auf Reisen gehen. Vielleicht komme ich bald zurück und man sieht sich.