Weniger ist so viel mehr – wie ich der Konsumfalle entkam

Wie es passieren konnte, weiß ich nicht genau. Ich war plötzlich da. Ähnlich wie in einem Traum. Während man schläft, kann man ja so prima in Zeit und Raum herumspringen, ohne sich nach der Uhr richten zu müssen. Offensichtlich geht das jetzt auch ohne Kopfkissen. Ich habe es jedenfalls irgendwie geschafft. Ich bin im Paradies, obwohl ich nicht mal den Weg dahin kannte.

Gestrandet in Portugal

Dafür, dass ich eigentlich in Spanien überwintern wollte, bin ich ziemlich von der Route abgekommen. Und das ist gut so. Manchmal muss man halt Umwege nehmen. Noch mal so richtig auf die Fresse fallen, bevor man das gelobte Land auf Händen und Füßen kriechend erreicht. Mit den Augen auf Schäferhund-Niveau kann man sich ein Closeup von der Bodenbeschaffenheit seines Lebensweges machen. Dann kämpft man sich zurück auf die Füße – und siehe da: die Welt schaut auf einmal ganz anders aus.

Tarifa habe ich endlich abgehakt. Es war insofern eine Erfahrung wert, als dass ich so dringend aus Deutschland weg wollte, dass mir egal war wohin. Nach meiner Bruchlandung in Südspanien ging die Suche von vorne los. Unter den selben Voraussetzungen – nämlich fast ohne Geld.
Doch Kreativität schlägt Budget.

Also landete ich im Januar 2017 auf einem Campingplatz in Portugal. In einem knuffigen kleinen Wohnwagen. Darin konnte ich trotz 0 Grad nächtlicher Außentemperatur prima schlafen. Und tagsüber wärmte eine kleine Elektroheizung, sodass ich sogar an meinem Rechner arbeiten konnte. Ein Bächlein plätscherte vor dem Wohnwägelchen entlang, ringsum war Natur pur. Alles etwas rau, stachelig und winterlich kahl, aber dennoch fantastisch! Nach meiner Exkursion in die akustische Folterhölle des Yogaklubs in Tarifa war ich dort, wo ich hin wollte: in der Stille.

Es war klar, dass ich bei 10 € Tagesgebühr nicht lange in dem Wägelchen werde wohnen können. Deshalb hörte ich mich bei den Betreibern des Campingplatzes nach möglichst kostengünstigen Dauerwohngelegenheiten in der Umgebung um. Dass ich unbedingt vor Ort bleiben wollte, dessen war ich mir einhundertausendmillionenprozentig gewiss.

Das Schicksal meinte es gut mit mir. Die hilfsbereiten Menschen vom Campingplatz wussten, wer in der Umgebung vermietet, und 5 Tage nach meinem Eintreffen in Portugal bezog ich ein gemütliches Zimmer bei einer sympathischen Holländerin – für eine erschwingliche Monatsmiete und ohne Zeitlimit.

Ein neues Zuhause

Meine Vermieterin, Hund Lea und Katze Mimi nahmen mich herzlich in ihre Familie auf und gaben mir das, was ich so lange gesucht hatte: einen Platz zum ankommen. Und zwar bei mir selbst.

Aus schlauen Büchern wusste ich, dass man in sich selbst ruhen muss bevor man „im Außen“ Ruhe finden kann. Leider war ich mir mein Leben lang seltsam fremd gewesen. Ständige Umzieherei mit Sack und Pack brachten nicht den gewünschten Erfolg. Ich fühlte mich fehl am Platz – innen und außen. Und nun das!
Schon in dem Moment, als ich an jenem kalten Januartag über die Spanisch-Portugiesische Grenze gefahren war, hatte ich das Gefühl angekommen zu sein. Und nun, als ich in dem Haus auf dem Berg einzog, nahm meine Verwandlung ihren Lauf. Allerdings ganz anders, als erwartet.

Ich wollte eigentlich ganz viel schreiben. An meinem neuen Buch, auf meinem Blog und für Magazine. Ich dachte, ich könnte meiner Kreativität endlich ganz und gar freien Lauf lassen, da ich ja nun ein so gemütliches Plätzchen fernab der Hamsterrad-Gesellschaft gefunden hatte. Aber nix ging. Kein brauchbarer Text wollte mir aus den Fingern fließen, meine Arbeit als Grafikerin kostete mich riesige Anstrengung und ich prokrastinierte so schlimm wie eh und je. Das einzige, was ganz von alleine kam, war die Freude am Fotografieren mit dem Mobiltelefon. Ich fing an, wie wild Fotos auf Instagram hochzuladen und freute mich über jeden Like wie ein kleines Kind. Mit dem iPhone in der Hand rannte ich jeden Morgen zu meiner Lieblings-Holländerin und berichtete ihr vor Freude hüpfend von meinen Followerzahlen. Na ja. Das war ja irgendwie niedlich, aber Geld brachte es nicht in die Kasse. Doch egal, was ich auch anstellte, egal wie viele Flaschen von dem guten – und kostengünstigen – Alentejo-Wein ich zur Motivationssteigerung trank, ich war immer noch in der Arbeitsverweigerungsfalle.

Doch irgend etwas in diesem Universum ist so viel schlauer als wir, und dieses Etwas führte mich an der Hand. Ohne dass ich es bewusst wahr nahm, wurde ich immer wieder hinaus getrieben, in diese krasse Natur von Alentejo. Ich stapfte durch Wildwuchs und kletterte über jahrhundertealte Grundstücksmauern, trank aus Quellen und sammelte Pinienzapfen. Ich atmete die unverbrauchte Luft der Freiheit und fühlte mich mit jeder der großen, majestätischen Korkeichen tief verbunden. Wie die Korkeichen ihre Äste, reckte ich meine Arme in die Höhe und wollte die Welt umarmen. Ich begrüßte den Wind, beobachtete die Raubvögel am Himmel und genoss die einsame, spröde Gegend, als erlebte ich die letzten Tage meines Lebens.

Der lange Arm des Gewissens

Mit jedem Tag, den ich mich vor meiner Arbeit drückte, plagte mich jedoch mein schlechtes Gewissen. Mit jedem Euro, den ich ausgab, wurde mein Schuldenberg größer. Doch irgendwann verstand ich, dass es keinen Zweck hat, gegen höhere Mächte zu kämpfen. Ich ergab mich meinem Schicksal, tröstete mich über meine mangelnde Arbeitsleistung hinweg, indem ich viel im Haushalt half, meine Vermieterin bekochte und den Hund durch die ewig langen gemeinsamen Spaziergänge glücklich machte.

Doch das schlechte Gewissen gab nicht auf. Es entbrannte ein regelrechter Kampf zwischen uns. Wenn ich in der Natur unterwegs war, lief ich manchmal so schnell ich konnte, oder blieb abrupt stehen, um dem Satansbraten zu entkommen. Leider fand er mich immer wieder. So lange, bis ich eines Tages verstand, wer hinter diesem hartnäckigen Verfolger steckte: niemand anderes als ich selbst.

Es muss wohl irgendwo zwischen meinen Lieblingsfelsen passiert sein, beim Klettern über schroffes Gestein, beim vorsichtigen durchstreifen der stacheligen Büsche, beim beobachten der herrlich unbekümmerten Hündin Lea, dass mir langsam dämmerte, wie sehr ich das schlechte Gewissen an mich gebunden hatte – und nicht umgekehrt.
Ich stellte mir das schlechte Gewissen plötzlich als ein gigantisches Energiefeld vor, das von vielen Menschen gefüttert wird und ständig mehr Nahrung braucht. Genau wie ich, wenn ich hungrig bin, ist dieses Feld übel gelaunt und möchte seine Zähne in die nächste Beute schlagen. Ein wirklich unangenehmer Zeitgenosse.

Nachdem ich mir seiner Existenz so unverhofft bewusst geworden war, wollte ich das Energiefeld nicht mehr füttern. Ich wollte dazu stehen können, dass ich meine Zeit für meine eigene Entwicklung brauche, statt mich täglich zu peinigen, weil ich so eine Versagerin bin. Also blieb ich stehen, löste die Verbindung und gab dem unerwünschten Begleiter die Freiheit.

Nachdem ich mich symbolisch abgekoppelt hatte, fühlte ich eine unglaubliche Leichtigkeit. Ich bekam Flügel und konnte mit den Schmetterlingen tanzen. Mein Geist war frei. Ich dachte, es würde sich nun alles verändern. Ich würde mit Freude arbeiten und endlich mehr Geld verdienen.
Doch das Gefühl hielt nicht lange an.

Das schlechte Gewissen kam zurück und verspeiste meine Leichtigkeit zum Frühstück. Meine Qualen waren wieder da, ich schämte mich.

Warum nahm ich das bloß alles so schwer? 
Vermutlich hat es damit zu tun, dass Arbeit als etwas heiliges gilt. Als Schlüssel zum Paradies. Man muss Opfer bringen. „Ohne Fleiß kein Preis“, kriegt man schon im ersten Schuljahr eingetrichtert. Man kriegt Obdachlose oder andere angeblich gescheiterte Existenzen als abschreckendes Vorbild gezeigt. Wer seine Arbeit verliert, setzt alles daran, sich schnellstmöglich wieder bei einer neuen Firma anzubiedern.

Ohne Moos nix los

Wenn man langfristig arbeitslos ist, gerät man sogar in einen Strudel aus Schamgefühl, der sich gewaschen hat. Manche Betroffenen werden von der Gesellschaft regelrecht ausgespuckt und zu allem Überfluss durch Wiedereingliederungsmaßnahmen vom Jobcenter erniedrigt. Man ist in der Gesellschaft nichts wert, wenn man nicht arbeitet. Man ist ihr nicht „dienlich“. Man ist nicht (be-)steuerbar.
Man verleiht seinem Alltag keinen echten Sinn. Seine Arbeitsleistung freiwillig zurück zu schrauben, bedeutet entweder, dass man Selfmade-MillionärIn, hochschwanger oder ein faules Dreckstück ist.

So lange ich Geld ausgeben will, muss ich es auch einsammeln, das habe ich durchaus begriffen. Aber Geld und Arbeit sind nicht in dem Maße miteinander verbunden, wie es die meisten Menschen glauben. Viele fleißige Hände erhalten so gut wie kein Geld für ihre Arbeit und andere sahnen so viel ab, dass sie sich immer kostspieligere Luxusgüter kaufen müssen, um noch ein bisschen Freude am Geld zu haben. Am liebsten sind mir die ganzen neuen Gurus, die behaupten, man könnte allein durch das richtige Mindset zum schwerreichen Superstar avancieren. In gewisser Hinsicht stimmt das, doch sie spielen mit der Gier der Menschen und verkaufen ihnen quasi eine Wundertinktur in Buchform. Wie die Quacksalber im Mittelalter… Wenn wir alle Millionäre und Superstars werden wollen – welcher Idiot kauft dann unsere Bücher, Schallplatten oder Kosmetiklinie, wer stellt den Krempel her, wer pflegt die Kranken, putzt euer Klo, unterrichtet die Kinder? Schon mal drüber nachgedacht, ihr Schlaumeier?

Meiner Meinung muss eine gewaltige Neuverteilung des Geldes stattfinden. Aber darüber zu philosophieren bin ich nicht befugt.

Genau wie viele andere habe ich in meinem Leben ziemlich häufig die Gesundheit auf dem Altar der Kirche namens Fleiß geopfert, um mir ein schickes Leben finanzieren zu können. Mit dem Ergebnis, dass ich unter körperlichen Qualen vor dem Rechner saß, um Geld zu verdienen, das ich statt für die schönen Dinge, in zunehmendem Maße für Medikamente, diätische Ernährung und Physiotherapien ausgeben musste. Echt clever…

Eine Kirche namens „Arbeit“

Irgendwann wurde mir zum Glück doch noch bewusst, dass ich mich wie ein Vollidiot verhalte – und dann wollte ich sofort aus dieser Kirche austreten. Aber statt die Verantwortung zu übernehmen, schimpfte ich erst mal gewaltig auf die Gesellschaft. Ich wollte konsumieren können und deshalb gutes Geld verdienen. Ich wollte nicht von der Gesellschaft ausgespuckt werden, sondern mit Freunden Cocktails trinken oder Essen gehen können. Ich wollte mich gut kleiden und mir hochwertige Bio-Nahrungsmittel kaufen können. Doch egal, wie ich mich auch verbog, ich war in einem Dilemma gefangen. Die Gesellschaft machte mir klar, dass ich nur durch Strapazen oder eine clevere Geschäftsidee zu einem hohen Lebensstandard gelangen würde. Leider bin ich nicht skrupellos genug, um anderen Menschen „The Secret“ oder ähnliche moderne Bibeln zu verkaufen, und mich noch mehr für mein Einkommen schinden zu müssen, wollte ich nicht hinnehmen. Damals war ich mir nicht bewusst, dass ein hoher Lebensstandard gar nicht vom Geld abhängt. Aber ich hatte mich einfach zu sehr von der Vorstellung anderer beeinflussen lassen. Von den Geschichten beruflich erfolgreicher Menschen, die so viel Geld einnehmen, dass sie sich alles leisten können – sogar Freizeit.

Eines muss ich hier dringend erwähnen: ich will die Kirche der Arbeit nicht einfach so verteufeln. Es gibt viele wichtige Jobs. Und ohne manche Berufe würde unsere Gesellschaft sogar zusammenbrechen. Den Menschen, die täglich ihren Beitrag zum Wohle anderer leisten, gebührt meine Hochachtung und mein Dank aus tiefstem Herzen – auf Arbeitnehmer- wie auch auf Arbeitgeberseite. Und die Arbeit der Hausfrauen und -männer möchte ich ausdrücklich dazu zählen! Außerdem kann Arbeit auch enorm viel Erfüllung bringen; diese Erfahrung ist nicht nur uns Künstlern vorbehalten. Doch nachdem ich viele Jahre lang Raubbau an mir betrieben hatte, kam ich zu dem Ergebnis, dass ich zwischen Selbstausbeutung und bewusster Leistungserbringung unterscheiden muss. Ich entschloss mich, die Verantwortung für mein eigenes (Arbeits-)Leben zu übernehmen und einen Weg zu finden, der zu mir passt.
Es ist ein langer Weg.

Immer wieder das Hamsterrad

Was mich immer wieder in meiner Entwicklung zurück warf, war das schlechte Gewissen. Es zog mich hinunter, machte mich krank, setzte mich arbeitsmäßig komplett außer Gefecht. Ich dachte, ich würde anderen Menschen etwas wegnehmen oder vorenthalten, wenn ich nicht im selben Hamsterrad mitlaufe. Doch nach und nach manifestierte sich in mir der Gedanke, dass die gesamte Arbeitssituation vielleicht einem Irrtum unterliegt. Dem Irrtum, dass es nicht anders geht. Der Kreislauf aus Konsum und Arbeitsleistung hält uns auf Trab und lässt uns nicht zum Nachdenken kommen. Es wird ständig produziert und verkauft, produziert und verkauft. Waren, Dienstleistungen, Aktien, Identität. Menschen werden genötigt zu kaufen, auch wenn sie gar nichts brauchen – nur um Jobs zu schaffen und Shareholder zu beglücken. Doch all jene Jobs, die lieber niemand täte, wie zum Beispiel giftige Chemikalien in der Natur entsorgen, Menschen mit dem Verkauf von Schrott-Immobilien betrügen oder schlichtweg maßlose Ausbeutung von „Human Capital“ weltweit, offenbaren den ganzen Wahnsinn. Auszusteigen bedeutet, dass man die Augen öffnen und die eigene Verantwortung für das „Große Ganze“ akzeptieren muss. Dass der Arbeitsplatz, den man ausfüllt, vielleicht an anderer Stelle für Elend, Hunger und Unterdrückung sorgt. Dass man durch das tägliche Pendeln mit dem Auto zur Arbeitsstelle an der Zerstörung der Umwelt beteiligt ist. Dass man seinen Kindern die schönste Zeit im Leben versaut, weil man sie zu kleinen Konsummonstern erzieht, die nur darauf gieren, sich tolle Sachen kaufen zu können. Auch wenn schon seit über hundert Jahren schlaue Menschen das Ende des Wirtschaftswachstums prophezeien, sind wir noch nicht am Ende angelangt. Doch alles braucht seine Zeit, ein voll beladenes Containerschiff hat einen verdammt langen Bremsweg. Um eine Katastrophe zu verhindern, muss man rechtzeitig die Route ändern.

Ich arbeite dran.

Natürlich kann nicht jeder Mensch gleichermaßen an die Sache heran gehen. Ich kenne eine Menge Leute die sich abstrampeln müssen, um ihre Familie über Wasser zu halten, die jeden Scheißjob annehmen, um sich wenigstens das nötigste leisten zu können. Die nicht mal eine Wahl haben, ob sie im Billigdiscounter oder im Fairtrade-Shop kaufen. Die nie auf die Idee kommen würden, das ganze System in Frage zu stellen, weil sie keine Ressourcen dafür frei haben. Und das kann ich nur schwer ertragen.

Ich selbst war auch schon oft in Notsituationen, habe in zwei Jobs oder fast rund um die Uhr gearbeitet, habe mein Sparschwein geschlachtet, um mir Nahrungsmittel kaufen zu können. Ich habe gekellnert und geputzt oder mich selbst erniedrigt, indem ich mich von männlichen Auftraggebern begrapschen ließ. Allerdings habe ich auch ein paar Jahre lang weit über meine Verhältnisse hinaus gelebt und es mir gut gehen lassen. Bis zum finanziellen Desaster, aus dem ich mich über 12 Jahre lang wieder heraus arbeiten musste. Irgendwann war meine Gesundheit völlig im Arsch. Dadurch konnte ich nicht arbeiten und der Teufelskreis begann von vorn. Oft konnte ich nur Dank der Hilfe von Freunden irgendwie überleben. Häufig stand ich kurz vor einem Selbstmord, weil ich den Druck nicht mehr ertragen konnte. Ich fühlte mich wie der letzte Idiot – unfähig in der Arbeitswelt zu bestehen, unfähig mit Geld umzugehen und deshalb komplett nutzlos. Und ich haderte immer mehr mit dem Sinn des ganzen Geldverdienen – Konsum – Geldverdienen-Systems.

Jetzt oder nie

Irgendwann merkte ich, dass ich entweder zu Grunde gehen werde oder ausbrechen muss. Also entschloss ich mich, Verantwortung für mein eigenes Wohlergehen zu übernehmen. Einfach so. Es brauchte aber erst die langen Spaziergänge im rauen Alentejo, bis ich das schlechte Gewissen gegenüber anderen Menschen – arbeitenden Menschen – allmählich überwinden konnte.

Ich pfeife nun auf die Ansprüche anderer und winke das schlechte Gewissen gleich durch, wenn es mal wieder bei mir zum Frühstück bleiben will. Nebenbei praktiziere ich den Konsumverzicht und trage somit auf zwei Wegen ein bisschen zur Weltverbesserung bei. Erstens, indem ich das allgemeine Denken über Fleiß und Preis nicht mehr teile und zweitens, indem ich so weit wie möglich Produkte vermeide, die unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert werden, die Umwelt belasten, Tierleid erzeugen oder einfach nur überflüssig sind. Natürlich kann ich noch viel verbessern und werde kein Antikonsumnazi, doch der wichtigste Schritt ist getan: ich bin mir bewusst, was ich tue. Ich bin tatsächlich von meinem Konsumzwang geheilt. Ich habe meine Ansprüche herunter geschraubt und kann dadurch mit deutlich weniger Einkommen leben. Meine Kreativität und meine Unabhängigkeit sind sehr hilfreich, bei dem Erforschen kostengünstiger Lebensräume. In Gegenden, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht, wo viele Häuser leer stehen, sammeln sich Menschen, die bewusst oder unfreiwillig mit wenig Konsum leben. Wenig Stress, viel Freiheit. Erst wenn man genau hinschaut, merkt man, wie wertvoll die Zeit ohne Konsum ist. Ich streife durch die Wildnis und beobachte die Schmetterlinge, Eidechsen und Insekten und stelle fest, mit wie viel Leichtigkeit sie ihrem Tagesgeschäft nachgehen und zwischendurch in der Sonne tanzen oder faulenzen. Wie die Raubvögel in der aufsteigenden Luft an unserem Berg in die Höhe schweben und dabei ihren Spaß haben. Nur Menschen können denken, dass Tiere den ganzen Tag mühevoll ihre Nahrung zusammen tragen und keine Freude daran haben. So ein Verhalten ist uns zivilisierten Menschen vorbehalten.

Ich weiß alle schönen Dinge zu schätzen und vermisse das Warenangebot in Deutschland durchaus manchmal. Hier in der Gegend gibt es keinen Öko-Supermarkt und wenig diätische Lebensmittel. Doch ich kann jetzt mit Leichtigkeit auf vieles verzichten. Ich empfinde keine Scham mehr darüber, dass ich nicht mit anderen finanziell mithalten kann, weil ich oft unter Gleichgesinnten bin. Und weil die Ureinwohner von Alentejo nicht so Konsumorientiert sind, wie die meisten Menschen in Deutschland. Man zieht sich und seine Kinder gut an, aber man trägt nicht zwanghaft teure Marken. Man fährt ein Auto, aber es muss nicht unbedingt ein Statussymbol sein, und man gibt sich mit einem deutlich geringeren Warenangebot zufrieden, als der Durchschnittsbürger in Germany. Ich bin sozusagen vor einem Supermarktregal im portugiesischen Hinterland aufgewacht.

Natürlich hat das Ganze Nachteile. Mein Auto braucht neue Reifen und mein Essgeschirr braucht eine Krone. Wann und wie ich diese Anschaffungen finanziell bewältige, wird sich zeigen. Wie gesagt, alles braucht Zeit. Ich praktiziere ein schrittweises Annähern an eine neue Lebenssituation und gehe möglichst kreativ damit um. Mein Weg kann ein Beispiel sein oder auch nicht. Eine Portion Mut und Abenteuerlust kann nicht schaden.

Der Weg aus dem Irrtum

Viele Menschen in meinem Umfeld haben mich unterstützt, dieses Projekt umzusetzen und denen kann ich gar nicht genug danken. Ich hatte nie ein dickes Bankkonto als Auffangnetz und keine gute Starthilfe fürs Leben und ich habe mich meistens dafür geschämt, von anderen abhängig zu sein. Aber mir ist inzwischen folgendes klar geworden: auch wenn man im allgemeinen Hamsterrad strampelt, ist man abhängig von anderen. Es ist ja schließlich ein Kreislauf. Jemand erschafft, jemand kauft. Die ArbeiterInnen bei VW sind von den Menschen abhängig, die einen VW kaufen. Jeff Bezos ist davon abhängig, dass Leute bei Amazon bestellen. Warren Buffet ist davon abhängig, dass Menschen Waren oder Leistungen erzeugen, auf die er spekulieren kann…

Ich denke, wir sollten uns abkoppeln, von den alten Gedanken über Arbeit und Lohn und Konsum und dem, was wir angeblich für die Gesellschaft leisten müssen. Sie basieren meiner Meinung nach auf einem Irrtum. Ich denke, es ist keine schwachsinnige Utopie, dass wir Menschen eine neue Arbeits- und Lebenssituation entwickeln können. Wir sollten das nicht irgendwelchen Vordenkern und gewiss nicht unseren Arbeitgebern überlassen.

Der Weg dahin?? Ganz einfach. Rund 1.600 km nach Süden fahren, rechts abbiegen.