Sind Pferde mein Leben?

Bis ins Teenager-Alter hinein gab es für mich nichts schöneres als Pferd zu spielen. Ich galoppierte durch unsere Kleinstadt und sprang über alles, was für mich nach Hindernis aussah. Wiehernd und schnaubend, mit wild flatternder Mähne, tobte ich durch die Mitschülerinnen und Mitschüler auf dem Pausenhof und verkörperte dabei den unzähmbaren Mustang. Ich war einfach etwas anders als Andere.

Was für meine Mitmenschen einfach nur bekloppt oder äußerst uncool rüber kam, war für mich eine zweite Natur. Im Gegensatz zu den Mädels, die sich an den Reitstallfenstern die Nase platt drückten, nahm ich mein Schicksal selbst in die Hand und war mein eigenes Pferd. Ich konnte auf die dummen Gänse pfeifen, die bettelnd auf den Gängen der Reiterhöfe herumlungerten, um mal einen Striegel halten oder einen Hufkratzer anreichen zu dürfen. Zwar war ich nicht weniger verzweifelt als sie, aber durch meine Pferdeverkörperung war ich eben näher dran am eigenen Pferd. Quasi…

Schließlich hatten meine Eltern dann Erbarmen mit mir und kauften ein Pony. Ein richtiges Indianerpony. Santo hatte geschecktes Fell und eine weiße Wuschelmähne. Ich landete also mit knapp 12 Jahren schon im Himmel. Im Pferdehimmel. Für gut zwei Jahre. Dann haben sie das Pferdchen verkauft. Ich war etwas zu groß geworden – die Freude über das eigene Hottehü hatte mir einen Wachstumsschub verpasst. In verschiedener Hinsicht. Ich war sofort viel besser in der Schule, obwohl ich nie Hausaufgaben machen konnte, denn ich war ja immer im Stall. Ich fühlte mich einfach so glücklich, dass ich fortan alles mit Leichtigkeit meistern konnte. Sogar das Wachsen. Also wurde ich zu lang für das Indianerpferd. Doch statt einem größeren Pony bekam ich nach dem Verkauf von Santo nur den Hinweis, dass jetzt mal meine Geschwister dran wären mit ihren Wünschen. Das war mein Untergang.

Klar, meine Eltern hatten Recht. Das kleine Pony war fast gratis untergebracht, benötigte nicht viel Futter und kostete einen überschaubaren Betrag an Versicherung. Die Haltung eines größeres Ponys hätte wesentlich mehr Geld verschlungen – und das war einfach nicht drin. Meine heile Pferdewelt brach wieder zusammen. Die Wünsche meiner Geschwister waren mir komplett egal; ich wollte wieder ein Pferd! Aber all mein Betteln hatte keinen Erfolg. Und so kam es, wie es kommen musste: ich wurde wieder schlecht in der Schule, verlor meinen ganzen Elan und vor allem meine Lebensfreude. Auch Pferd spielen half nicht mehr so wirklich, zumal ich in einem Alter war, wo auch die engsten Freundinnen auf solche Spiele keine Lust mehr hatten. Sie wollten um jeden Preis cool sein, schicke Klamotten tragen und den Jungs den Kopf verdrehen. Ich aber dachte nur an Pferde und so bin ich dann endgültig zur Außenseiterin geworden – zusammen mit meiner Freundin Jutta, die mir in Pferdeverrücktheit in nichts nachstand. Bis auf die Sache mit dem Pferde personifizieren. Da war ich einsame Spitze.

Ein paar Jahre nach dem Verkauf von Santo, kam ich Dank des mutigen Engagements meiner Freundin Kerstin an ein so genanntes Pflegepferd. Silver war ein schicker großer Apfelschimmel, der genau so verrückt sein konnte wie ich. Nur, dass er kein Pferd spielen musste. Für gut ein Jahr bin ich mit ihm durch Feld und Wald gepflügt, habe ihn ohne Sattel geritten, oft ohne Zaumzeug und ihn so total verzogen. Sein Besitzer fand das nicht schlimm, er hatte eh nie Zeit seine Pferde selbst zu bewegen. Nur die Puppe, die den Schimmel mal am Wochenende reiten wollte, kam mit ihm bald nicht mehr klar. Silver hatte einen dunkelbraunen Kumpel, den meine Freundin ritt. Zusammen waren wir wie die Mädchen aus den Pferdebüchern – verbrachten jede freie Minute im Stall, teilten Mohrrüben und altes Brot mit unseren Lieblingen.

Doch dann kam das Ende der Realschulzeit und ich wechselte auf die Fachoberschule Gestaltung in Hannover. Die langen Schultage und die Zugfahrten zwischen Hannover und meiner kleinen Heimatstadt forderten schließlich ihren Tribut: ich hatte keine Zeit mehr, stundenlang durch die Natur zu streifen und mit Kerstin lief es auch nicht mehr so rund (sie hatte inzwischen einen Freund… Bäh…). Also verschwand das nächste Pferd wieder aus meinem Leben. Nachdem ich zwei Jahre später die Fachoberschule abbrach, ging ich als Au-pair nach England und lernte dort Motorrad fahren. Die Freiheit auf zwei Rädern ließ mich die Pferdeliebe erstmal vergessen.

Doch im Laufe der Jahre meldete sich die alte Leidenschaft immer mal wieder zurück. Ein Bürostuhl fühlt sich für meinen Hintern nicht artgerecht an. Ein Pferderücken dagegen schon. Deshalb träumte ich immer wieder davon, mit dem Wind in den Haaren dahin zu galoppieren und wünschte mir die vertrauten Gerüche und Geräusche aus dem Pferdestall herbei. Wenn Pferde genüsslich ihren Hafer zermahlen, mit dem frisch eingestreuten Stroh rascheln und zwischendurch zufrieden schnauben, fühlt sich ein Pferdemädchen rundum wohl. Und ich wollte mich auch wieder wohl fühlen. Doch hatte ich keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte. Ich recherchierte nach Arbeit auf einer Ranch in den USA oder Australien, suchte nach Jobs auf Gestüten und Pferdehöfen in Deutschland und konnte doch irgendwie nichts wirklich Passendes finden. Meistens machten mir meine finanziellen Verpflichtungen einen Strich durch die Rechnung, denn als Pferdemädchen verdient man oft sehr wenig Geld. Und so blieb ich immer wieder auf meiner Selbstständigkeit als Grafik-Designerin hängen, um die Kosten decken zu können, die überhaupt erst durch die Selbstständigkeit entstanden.

Als ich Ende 2015 mal wieder nach meiner wahren Bestimmung im Leben forschte, tauchte das Thema Pferde auch wieder auf. Eigentlich war es tatsächlich jedes verflixte mal aufgetaucht, sobald ich mich fragte, was eigentlich in meinem Leben schief läuft…! Sind die Pferde meine Medizin, wie die Indianer das zu ihrem Wohlsein fehlende Element nennen? Bin ich als Schütze tatsächlich halb Pferd, halb Mensch, wie die Zentauren? Fühle ich mich wieder heil und ganz, sobald ein Pferd an meiner Seite weilt?

Ich werde diesen Fragen weiter auf den Grund gehen. Stay tuned.