Die alternative Lebensform

Können wir nicht anders oder wollen wir nicht? Existieren Barrieren wirklich nur im Kopf? Muss ein freies Leben auf Kosten anderer stattfinden? Darf ich das…?

Über alternative Lebensformen – und ich spreche nicht von Pantoffeltierchen – wurde in letzter Zeit so viel geschrieben, dass einem davon ganz schwindelig werden kann. Es scheint schick zu sein, alternativ zu leben. Gebildete Menschen machen das jetzt. Nicht wie in den 80ern, wo man noch handgestrickte Wollsocken oder einen Iro nebst Sicherheitsnadelpiercing brauchte, um als alternativ zu gelten. Inzwischen gibt es so viele alternative Lebensformen, dass gerade ein Kompendium nach dem anderen dafür entwickelt wird.

Mit Auszeichnungen behängte Journalistinnen schmeißen sich für lebensnahe Berichterstattung ins Abenteuer und schreiben dann ein Buch darüber. Veröffentlicht wird dann eine gesäuberte Fassung, die auch der Mainstream noch versteht. Denn zu viel des alternativen ist nicht massentauglich. Zottelige Ökos sind immer noch nicht hip, Punks fast ausgestorben und die echten Alternativen einfach zu anstrengend. Sobald eine spirituelle Komponente einfließt, springen die meisten Normalbürger ebenfalls ab, bzw. gar nicht erst auf. Sie halten es entweder für esoterischen Schwachsinn oder für eine Verschwörungstheorie. Jene, welche sich intensiver für das Thema alternative Lebensformen interessieren, müssen wie Trüffelschweine nach Informationen schnüffeln, für den Rest der Gesellschaft gibt es in angesagten Medien also alternativ light.

Es erscheint so unerhört gewagt zu sein, dieses ominöse alternative Leben. Man könnte ja sonst wo landen, mittellos und fern der Heimat. Ohne Freunde, in schlechter Gesellschaft und kilometerweit vom nächsten Ärztehaus. Die Berichterstattung zum Thema wird aufgesogen wie ein SciFi-Krimi und anschließend tief durchgeatmet. Ein Abenteuer zwischen Kapitel eins bis achtzehn zu erleben ist um einiges bequemer, als sich live und in Farbe in selbiges hinein zu begeben.

Wer jetzt denkt, es gibt hier Abenteuer-Berichterstattung, den muss ich enttäuschen. Hier gibt es leider geistiges, teilweise spirituell angehaucht. Denn ich betrachte die alternative Lebensform als Reise nach innen und nicht als Kreuzfahrt in Piratengewässern, ob wohl es sich machmal fast so anfühlt. Wer jetzt Angst vor geistiger Verseuchung bekommt, kann gerne den Fernseher einschalten. Wo der Knopf ist, dürfte bekannt sein. Die ganz Mutigen erwartet (hoffentlich) einiges an Erkenntnissen.

In diesem schnuckeligen kleinen Wohnwagen habe ich meine ersten fünf Nächte in Portugal verbracht.

Also: die alternative Lebensform…
Kaum angefangen, da wären wir schon beim ersten Problem. Denn die alternative Lebensform gibt es nicht. Eigentlich existiert überhaupt gar keine Form. Man kann keine Backform namens alternative Lebensform bei Tchibo kaufen – bei IKEA würde sie wohl BAKKE LEBBE heißen – denn man muss sie sich selbst basteln. Das tut man indem man sie lebt. Dann nimmt sie von ganz alleine Form an. Am besten bleibt man aber auch gar nicht bei einer Form. Sondern formt immer wieder neue Förmchen. Eines nach dem anderen.

Doch zuerst steht da die Frage nach der Definition. Eine alternative Lebensform zeichnet sich z. B. dadurch aus, dass sie aus der Rolle fällt. Beispielsweise geht der typische Vertreter der alternativen Lebensform oft keinem 9-bis-17-Uhr-Job nach. Oder er/sie hat keinen dauerhaften Wohnsitz mehr und schreibt darüber ein Blog (so wie ich). Oder die Person lebt zusammen mit anderen Verrückten völlig autark auf einem geliehenen Stück Land, hat kein wassergespültes Klosett und erntet Wildkräuter in der Umgebung. Zuweilen verleiht sich die alternative Lebensform auch durch die schier endlose Aneinanderreihung von verschiedenen Studiengängen, in Kombination mit so genanntem „Containern“ Ausdruck. Manche Leute verstehen schon eine Arbeitszeitverkürzung, einen Job im Medienbereich oder häufige Reisen in ferne Länder als alternative Lebensform, aber die lasse ich heute mal außen vor.
Die alternative Lebensform kommt gerne politisch korrekt, anti-alles und mit dem Finger in der Nase daher. Wer ein Blog oder einen Social-Media-Kanal betreibt, garniert das Thema mit spirituellen Sprüchen auf Fotos mit Schmetterlingen und Sonnenstrahlen. Zwar zählt es wohl auch irgendwie als alternative Lebensform, wenn man sein Geld mit peinlichen Auftritten in Fernsehsendungen verdient, aber das will ich hier mangels Fernseherfahrung ebenfalls außer Acht lassen. So weit ich weiß, erfreut sich diese Form der alternativen Lebensführung auch so großer Beliebtheit, dass sie schon wieder zum Mainstream gehört. Die alternative Lebensform an sich mag es eher bewusst, und ich habe ernsthafte Zweifel, dass Menschen, die sich für Zuschauer, die wie sediert vor der Glotze hängen, körperlich und intellektuell entblößen, so wirklich wissen, was sie da tun. Ich weiß zwar auch fast nie, was ich tue, aber dessen bin ich mir zumindest voll und ganz bewusst.

Zusammenfassend lässt sich definieren: die alternative Lebensform bedeutet also, dass bewusst ein anderer Weg zu leben gewählt wurde, der dann im Idealfall immer wieder einer kritischen Überprüfung unterzogen wird. Um bewusst zu bleiben. Denn wer sich nach 10 Jahren immer noch in der selben Lebenssituation wie zu Anfang der Mission befindet, ist unter Umständen bloß einer Ideologie verfallen und sollte darüber bei passender Gelegenheit ernsthaft nachdenken. Zwar ist es erlaubt, seine ganz persönliche alternative Lebensform zu finden und dabei zu bleiben, doch ich halte es für wahrscheinlich, dass alternative Formen den selben Verlauf nehmen, wie alle Modeerscheinungen. Früher oder später erreichen sie den Tiefpunkt ihres Spannungsbogens und dann sind sie im Mainstream angekommen. Ausgelaugt, abgestumpft und mutlos. Die alternative Lebensform hat also auch mit Mut und Entwicklung zu tun. Meine Meinung. Denn irgendwie ist die alternative Lebensform auch eine Alternative zu sich selbst. Das heißt, dass sie sich selbst immer wieder neu erfindet, sobald sie müde geworden ist. Der Spannungsbogen sollte meines Erachtens stets neu justiert werden. Ich denke, da stimmen mir viele Praktizierende zu.

Die alternative Lebensform trägt auch Verantwortung. Dafür, dass Entwicklung geschieht. Deshalb ist sie wichtig und deshalb ist es keine Alternative, wenn man sich zu ein paar Eingeborenen ans Lagerfeuer setzt. Ursprüngliche, naturnahe Lebensformen sind fantastisch und gut für Mensch und Natur, doch bringen sie inzwischen keine gigantischen Dinge wie Pyramiden, Sonnentempel etc. mehr hervor. Da aktuell aber alles in dieser Welt irgendwie sichtbar, messbar und vorzeigbar sein muss, liegen diese naturnahen Lebensformen gerade nicht im Trend. Außerdem entbehrt ihnen die Komponente des alternativen, weil sie ja am Ausgangspunkt der Entwicklung liegen. Alles was nach der ursprünglichen Lebensform kommt, ist sozusagen schon die Alternative.
Man verstehe mich nicht falsch, ich plädiere hier nicht dafür, dass wir wieder wie die ersten Menschen leben sollen, aber ich bin ein Naturfreund und wünsche mir durchaus eine Alternative zum aktuellen Produktionswahn der Industrienationen. Ich mag auch mein iPhone und mein Auto. Sie sind Verlinkungen in den Rest der Welt für mich. Aber es ist wichtig, diese Dinge nicht für das Ende der Fahnenstange zu halten. Die Entwicklung auf sichtbarer Ebene – also z. B. die Errichtung eines Bauwerkes unter Verwendung aktuellster technologischer Errungenschaften, die Erfindung eines neuen Haarwuchsmittels oder eben eines Smartphones, sind nicht unbedingt nötig für die innere Entwicklung, die Bildung des Geistes, die Selbsterkenntnis. Abgesehen von dem Hochgefühl des Erfinders/der Erfinderin der jeweiligen Produkte im Moment des Geistesblitzes. (Am Ende könnte dann sogar eine tiefe Selbsterkenntnis folgen, wenn beispielsweise der Erfinder einer Massenvernichtungswaffe erschreckt feststellt, dass sein geistiges Kind tiefste menschliche Abgründe widerspiegelt. Aber das soll hier nicht Thema sein.)
Moderne Kommunikationsgeräte stellen ironischerweise eine Metapher auf die wahren Kommunikationsfähigkeiten der Menschen dar. Wir könnten nämlich – platt ausgedrückt – ganz prima per Gedankenübertragung mit dem Rest der Welt kommunizieren. Doch braucht es noch ein bisschen, bis unsere Spezies diese Fähigkeit an sich entdeckt und brauchbar gemacht hat. So lange müssen wir wohl noch Smartphones kaufen. Aber bitte nicht jedes Jahr ein neues… Wegen der Umwelt…

Zurück zum Thema. Was mich an dem Hype um alternative Lebensformen nervt, ist zum einen die Glorifizierung durch einige ihrer Vertreter, zum anderen die mediale Ausschlachtung durch Möchtegern-Abenteurer mit journalistischem Eifer und Hang zum reißerischen Selbstversuch. Denn eigentlich ist die alternative Lebensform ein zartes Pflänzchen, das zu einem gewaltigen Baum heran wachsen kann und keine Attraktion im Disney Land. Wer rein geht, um sich für ein paar Wochen oder ein Jahr unterhalten zu lassen, um mal ein waschechter Alternativer zu sein, oder auf Partys ’ne tolle Story zum besten geben zu können, hat die Sache nicht kapiert. Alternative Lebensformen muss man ersinnen, kreieren, erschaffen und erarbeiten. Sie sind ein Akt der Schöpfung und nicht des Nachmachens. Einige Pioniere wissen das. Und wenn sie bewusst sind, dann erschaffen sie immerfort neue Situationen, in denen sie wieder neue Ausprägungen der alternativen Lebensform erschaffen können. Wenn sie unbewusst sind, geraten sie in die Kapitalismus-Falle und vermarkten ihre einmal gefundene Form als Lifestyle-Produkt auf allen Social-Media-Kanälen, die der Planet zu bieten hat. Derweil entwickeln sie sich zu Vorbildern/Gurus für andere Lebenshungrige, sahnen ab, was nur geht und sonnen ihre fitten Bodys nach einer anstrengenden 4-h-Woche im Dünensand von Bali. Zwar nur so lange, bis die Karawane weiter zieht, zum nächsten Hype, doch der Trend zur alternativen Lebensform kommt ja gerade erst richtig in Fahrt. Es gibt also noch viel zu verdienen.

Wobei wir wieder einen Bogen geschlagen hätten und jetzt aber zum wesentlichen Kern kommen: die alternative Lebensform als Mittel zur, bzw. als Ausdruck von, Selbsterkenntnis. Tada!
Ich spreche hier nur aus persönlicher Erfahrung, bemühe mich aber um maximale Objektivität. Los gehts.

Ich würde die alternative Lebensform gerne als Reise ins Ungewisse beschreiben. Denn wenn man von Anfang an wüsste, in welchem Teil des Universums man schließlich den Koffer auspackt und die Toilettenartikel auf der Ablage vor dem Badezimmerspiegel arrangiert, braucht man die Reise quasi gar nicht erst anzutreten. Man weiß ja alles schon, kann sich auf dem Sofa zurück lehnen und ein Buch über alternative Lebensformen lesen.
Ich übertreibe natürlich. Auch wenn man sein Ziel kennt, kann die Reise Überraschungen, tiefe Eindrücke und Herausforderungen mit sich bringen, doch sobald man sich auf ein Ziel fokussiert, blendet man andere Destinationen aus. Meistens verbindet man das Ziel sogar mit einer Erwartung. Wie das Wetter dort ist, was man alles zu sehen bekommt und wie das Essen schmeckt. Theoretisch könnte man also die Texte der Postkarten schon im Vorhinein verfassen. Dann braucht man keine Reisezeit damit zu verschwenden, dass man sich abends über den kleinen Schreibtisch im Hotelzimmer beugt und krampfhaft versucht, unterhaltsame Episoden über Tagesaktivitäten zu erzählen.

Nein, so läuft das nicht. Die alternative Lebensform braucht eine große Portion Ungewissheit, um sich entfalten zu können. Denn aus einem alten Hut lässt sich kaum neues hervor zaubern. Es endet meist bloß wieder mit einem weißen Kaninchen.

Eine alternative Lebensform zu entwickeln, bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Für sich selbst, bzw. für sein Denken und Handeln. Man schnürt sein Päckchen und sagt sich los von der Abhängigkeit durch den Arbeitsplatz, die Wohnsituation und das soziale Umfeld. Infolgedessen werden sogar weitere Ketten gesprengt. Durch meine Umstellung von Vollkasko-Mentalität auf Nomadendasein ist zum Beispiel die Aktie der Allianz-Versicherung möglicherweise um mindestens zehn Punkte gefallen…
Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, bedeutet für mich, dass ich Entscheidungen bewusst treffe und Risiken in Kauf nehme. Ich nutze nicht ein bestehendes Muster, in das ich mich einklinke. Ich kreiere ein eigenes Muster, das mir möglichst viel Handlungsspielraum und Freiheit bietet.
Natürlich empfinden viele Menschen weder ihren vermeintlich sicheren Arbeitsplatz, noch ihre Hausratversicherung als freiheitsberaubend. Ich tendenziell schon. Viele andere ebenso. Ich erwähne das ganz und gar wertungsfrei. Sicherheit ist grundsätzlich nichts schlechtes. Doch fordert sie einen Tribut, den ich nicht bereit bin zu zahlen. Sie ernährt sich von Leichtigkeit und Kreativität, von geistigem Wachstum und Enthusiasmus. Durch vermeintliche Sicherheit verliert man ebenso seinen Kampfgeist, wird manipulierbar und abhängig. Dreht der Arbeitgeber an der Personalschraube, wird man krank vor Angst und geht trotzdem weiter brav zur Schicht. Erhöht die Versicherung die Beiträge, schränkt man sich bei Ernährung, Unterhaltung oder Aktivitäten ein. Man verschuldet sich bis über beide Ohren um ein Eigenheim zu erwerben, das einmal als Altersvorsorge dienen soll oder investiert seine Kohle in eine Pflegeversicherung, damit man ganz entspannt dem Schlaganfall, der einen pünktlich zum Renteneintrittsalter erwartet, entgegen sehen kann.
Wenn man sich also für eine alternative Lebensform entscheidet, entscheidet man sich automatisch gegen die gängigen Sicherheitsstandards. Man weiß, dass eines Tages Schwierigkeiten daherkommen könnten, das Alter mit all seinen Herausforderungen sowieso, aber man plant sie nicht als feste Größe ein. Stattdessen setzt man mutig auf seine persönliche Entwicklung, bildet seine geistige Flexibilität und hält damit meist auch den Körper lange jung. Denn wer sein Verfallsdatum nicht in vorauseilendem Gehorsam im Kalender einträgt, hat durchaus eine größere Chance auf Frische bis ins Seniorenalter. Und definitiv auf mehr Abenteuer.

Die alternative Lebensform bedeutet, Ängste zu konfrontieren. Existenzangst, und die Angst vor dem Scheitern. Kurioserweise, die großen Geißeln der Zivilisation. Denn obwohl das soziale Auffangnetz in unseren Breitengraden hervorragend ausgebaut ist, lassen uns diese Ängste nicht in Frieden. Es scheint sogar so, als ob sie proportional zum allgemeinen Sicherheitsgrad eher steigen. Endeffekt ist, dass sich angstgeplagte Charaktere in immer mehr Auffangnetze einkaufen, dadurch ihre Offenheit einbüßen und Verantwortung auf Institutionen abwälzen (siehe oben).
Diese Ängste zu konfrontieren, bedeutet, sich zu öffnen und zu erweitern. Sich kennen zu lernen. Seine eigene, wahre Stärke zu entdecken.

Es heißt, Krisen machen uns stark. Das liegt daran, dass wir in Krisenzeiten unsere Muskeln trainieren können. Muskeln, die normalerweise schlaff und müde herab hängen. Der Muskel der Empathie, der großflächig unsere Herzgegend umspannt. Die Muskeln der Offenheit, die in unseren Armen sitzen und uns die Fähigkeit geben, diese ganz weit auszubreiten. Um das Leben und alles was dazu gehört, willkommen zu heißen. Und die uns Flügel verleihen. Dann die riesigen Muskeln des Enthusiasmus´. Die unsere Beine von oben bis unten bedecken und uns die Möglichkeit verleihen, immer weiter und weiter voran schreiten zu können. Nicht zuletzt die massiven Bauchmuskeln, in denen der Mut sitzt. Der uns von Natur aus gegeben ist und erst durch Erziehung abtrainiert oder gegen uns selbst verwendet wird. Mut, zu sich selbst zu stehen, Mut, seinen Weg zu gehen. Mut, sich für seine tiefsten Wünsche und zum Wohl anderer einzusetzen.
Die Schnellkraft all dieser Muskeln würde uns direkt vor die Türschwelle unserer größten Schöpferkraft katapultieren. Doch wir Menschen haben meist vergessen, dass wir diese Muskeln überhaupt besitzen.
Erst in Ausnahmesituationen erinnern wir uns wieder daran. Erst wenn alles um uns herum zusammen gebrochen ist, und wir uns mühsam aus den Ruinen unseres Lebens hervor arbeiten, bemerken wir, dass da etwas in uns schlummert. Eine Kraft, die uns überleben lässt, die uns zu empathischen, offenen und enthusiastischen Menschen macht. Durch Krisenbewältigung entwickeln sich unsere längst vergessenen Muskeln wieder, erinnern uns daran, dass wir zu mehr im Stande sind, als brav unserer Arbeit nachzugehen und nach Feierabend vor dem Fernseher zu sitzen, den wir uns im Sonderangebot des örtlichen Elektronikfachhandels von der schwer verdienten Kohle gekauft haben.

Sich aus seinem gewohnten Umfeld zu lösen, Sicherheitsbedürfnisse über Bord zu werfen und Ängsten die Stirn zu bieten, bedeutet, eine Freiheit zu leben, die sich immer mehr ausbaut und weiter entwickelt. Menschen, die aus freien Stücken die Komfortzone verlassen haben, sind meist mutiger als andere und offener. Sie probieren neue Wege aus, lernen ständig dazu. Sie bauen vorgefasste Meinungen ab und überkommen Stück für Stück den inneren Schweinehund. Nur wer etwas selbst ausprobiert hat, kann sich auch ein echtes Bild davon machen. Zwar ist die menschliche Wahrnehmung nicht objektiv, aber wer das weiß, kann jederzeit die Brennweite, die Verschlusszeit und Blende nachjustieren und das Bild neu aufnehmen. Wer will, kann es auch anschließend mit Photoshop bearbeiten, bis es ihm gefällt, aber das ist ein anderes Thema…

Die alternative Lebensform bietet enorme Möglichkeiten – auch für Menschen, die sie nicht ausüben. Doch sobald man aus einer geordneten Gesellschaft aussteigt, mutiert man zur Zielscheibe und schreckt zurück. Zuerst wird man überhaupt erst mal wahrgenommen. Dann bestaunt. Dann gebrandmarkt. Als durch und durch egoistisch. Man bekommt nichts geringeres als die Schuld für den Untergang der Zivilisation in die Schuhe geschoben. Zwar sägt man durch seinen Ausstieg aus der gesellschaftlichen Ordnung tatsächlich am Ast der Zivilisation, doch das ist gut so. Denn ohne die Verweigerer wären Veränderungen an einem System unmöglich. Und ich spreche von Veränderungen im Sinne von Verbesserung (wobei die Verbesserung oft erst so viel später als die Veränderung eintritt, dass man die Störenfriede gar nicht mehr als Initiatoren des Prozesses in Erinnerung hat).

Das Vertrackte ist, dass inzwischen viele Individuen bemerkt haben, welch unglaubliches Potenzial der Welt verloren geht, so lange eine Gesellschaft auf ausgetretenen Pfaden wandelt. Sich ständig wiederholt, ihre Methoden reproduziert und reproduziert bis zum geht-nicht-mehr.
Ein Zitat aus dem Film Fight Club sagt es so treffend: Everything is a copy, of a copy, of a copy… Doch um mein Potenzial entfalten zu können, muss ich als Mensch überhaupt erst mal wissen WAS mein Potenzial ist und dann muss ich es in die richtige Atmosphäre tragen können. Was nützt mir mein ganzes Potenzial, wenn ich keine Umgebung finde, in der es überhaupt zur Geltung kommt? Wenn ich, eine kreative Visionärin, die Verwaltungsabteilung eines Unternehmens betrete, habe ich das Gefühl, in meinem Kopf geht das Licht aus. Betrete ich dagegen einen Baumarkt, drehe ich förmlich durch, vor Ideenreichtum; würde am liebsten den ganzen Laden leer kaufen und mindestens ein Baumhaus, eine Hundehütte, drei Katzenhäuser und zwanzig individuelle Wohnhäuser mit Pool und Skilift errichten. In meiner täglichen Arbeit ist es ähnlich. Kommt eine ausgefallene Idee beim Kunden an, wachsen aus ihr heraus weitere Ideen. Wünscht sich der Kunde/die Kundin eine Standardlösung, die mindestens vier Mitbewerber schon erfolgreich getestet haben, wächst nur noch der Frust, während die Kreativität zu einem vertrockneten Kaktus auf dem Fenstersims verkümmert und Spinnweben ansetzt.

Die Möglichkeiten, die durch eine alternative Lebensform entstehen, liegen auf der Hand, denn nicht nur die Not macht erfinderisch, sondern auch die Freiheit. Nachdem man den ersten Kulturschock überwunden und sich erfolgreich unter den verbalen Angriffen von Spießbürgerinnen und Spießbürgern weggeduckt hat, kommt man in eine kreative Phase. Meistens verpufft die dann erst einmal wieder. Doch dann genießt man sein neues, unabhängiges Leben mit der Zeit immer mehr und merkt, dass man sehr gut ohne Arbeit auskommen kann. Wenn man genug Kraft getankt hat, greift man auch wieder an, überlegt sich, was man für das Wohl der Menschheit oder die eigene Kasse tun kann und wird aktiv. Jede Phase der Mutlosigkeit, jede Schreibblockade, jede Zeit der Unsicherheit über den Sinn der Lebenssituation, bringt einen nach vorne. Es ist wie mit den Gezeiten. Mal steht einem das Wasser bis zum Hals, mal sitzt man an einem weißen Strand und lässt sich von der untergehenden Sonne zu großen Visionen inspirieren.
Manche Lästerzungen behaupten jedoch, dass man als Vertreter der alternativen Lebensform nur den Müßiggang zelebrieren will. Weder Verantwortung tragen, noch die Rentenkassen füllen will. Doch es ist ein Irrtum zu glauben, dass alle Menschen auf die Dauer zum Müßiggang fähig sind.
Man stelle sich vor, wie ein Mensch, der tagtäglich in seinem Hamsterrad brav seine Kilometerleistung absolviert, reagiert, wenn er mit einem Problem konfrontiert wird. Je nach Auslastungsgrad wird die Reaktion sein: 1. Ich kümmere mich später drum. 2. Irgendwer muss sich darum kümmern. 3. Wenn ich schon so horrende Steuern zahle, warum kümmert sich niemand darum…?
Ein Mensch, der entspannt in einer Hängematte liegt, reagiert dagegen eher so: 1. Überlegt, was zu tun wäre. 2. Ruft Freund/Freundin XY an und bespricht das Anliegen. 3. Gründet zusammen mit Freunden ein Startup, welches sich darum kümmert, das Problem für Menschen im Hamsterrad zu lösen. Gegen Geld. Zack! Der Kreis schließt sich. Alle sind wir voneinander abhängig.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Klar, die alternative Lebensform ist nicht grundsätzlich geeignet die Welt zu retten und nicht alle Menschen, die einem angepassten Leben den Rücken kehren, sind Empathen. Ein Lebensstil ohne Auffangnetz bringt die Leute eher dazu, sich für andere einzusetzen, weil sie wissen, wie sich Unsicherheit anfühlt. Sie kennen die Löcher der sozialen Auffangnetze, weil sie oft genug hindurch gefallen sind. Doch unter den – ich nenne sie mal moderne Aussteiger – gibt es auch Haifische. Sie nennen sich Entrepreneure. Sie leben davon, anderen Aussteigern das Blaue vom Himmel zu verkaufen, was man hier wortwörtlich nehmen kann. Sie veranstalten Workshops und geben Seminare zum Thema Wie werde ich Entrepreneur und rette die Welt. Laut ihrer Aussage haben sie stets hart für ihren Erfolg gearbeitet, wollen Vorbilder sein und zelebrieren jeden Abend bis zum letzten Cocktail den Gemeinschaftssinn in ihren hippen Coworkingspaces. Obwohl es erscheint, als ob sie ihre eigene Konkurrenz ausbilden, schaffen sie sich ein Netz aus Abhängigen, die ihnen ein regelmäßiges Einkommen und später die Rente finanzieren sollen. Dass nicht alle Leute davon leben können, ein Reiseblog zu schreiben, ist ihnen klar. Deshalb rufen sie zum Wettkampf um die besten Geschäftsideen im Blog-Business auf und ölen damit genau das Hamsterrad, aus dem eigentlich alle raus wollen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir im Zeitalter der Schneeballsysteme leben. Auch die Bewegung der alternativen Lebensform wird davon nicht verschont. Meistens steht das Hamsterrad der modernen Aussteiger halt auf einer balinesischen Insel und nennt sich Coworkingspace. Dank Remote-Jobs funktioniert das Hamsterrad sogar ferngesteuert und dreht sich damit am Puls der Zeit.
Spaß bei Seite, man muss überall um seine eigene kleine Pflanze der alternativen Lebensform kämpfen – sogar unter Gleichgesinnten. Und viele dieser neumodischen Alternativen haben sogar wirklich tolle Ideen, wie man die Welt ein bisschen besser machen kann. Indem sie andere inspirieren, ihr Bestes zu geben und ihre wahren Talente in ein Startup zu stecken, machen sie im Grunde nichts falsch. Sie übertreiben es halt nur manchmal mit dem Hype ums Entrepreneurship und schippern übers Ziel hinaus.

So weit so gut. Aber wie sieht denn nun meine alternative Lebensform aus, und was hat die Welt davon?
In meinem Fall befindet sich die alternative Lebensform eindeutig in einem flüssigen, machmal gasförmigen, Aggregatzustand. Veränderung war schon immer mein Lebenselixier und das spiegelt sich gerade in der Oberfläche meines Lebensflusses.
Ich habe eine Basisstation, ziehe aber immer von Ort zu Ort. Ich wohne bei Freunden, schlafe in deren Gästezimmer oder auf der Couch. Ich arbeite von einem Laptop aus, meine Daten sind in einer Cloud. Um mich finanziell über Wasser zu halten, habe ich einen kleinen Job, den ich von unterwegs ausübe. Und ich habe einen sensationellen Freundeskreis, der mich in meinen Vorhaben unterstützt.
Ich habe keine Kinder, keinen Ehemann und keinen Hauskredit an der Backe. Mein Luxussportwagen (der Puschen) ist abbezahlt, meine Möbel sind eingelagert und die restlichen Habseligkeiten wohnen in meiner Basisstation. Ich bin frei.
Jetzt kann natürlich jeder sagen, dass ich es einfach habe, doch auch ich habe mit ganz ordentlichen Hindernissen zu tun. Denn das größte Hindernis schlechthin sind meine eigenen Zweifel. An mir selbst, an der Richtigkeit meines Lebenswandels. Diese Zweifel zu überwinden, ist Aufgabe Nr. 1 und wohl auch die schwerste von allen. Denn durch diese Zweifel reise ich seit jeher mit angezogener Handbremse durchs Leben. Die Begleiterscheinungen sind finanzielle Nöte, gesundheitliche Probleme und schlimmste Depressionen. Bevor ich mich in die alternative Lebensform begeben habe, fühlte mich nie am richtigen Ort und nie in den richtigen Umständen. Bis dann die Verzweiflung so groß wurde, dass ich die Reißleine zog. Das Unterwegs sein ist endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Sprung ins richtige Element. Zweifel verspüre ich dennoch, aber nicht in Hinsicht auf meinen Lebensstil an sich, sondern einzig auf seine Sozialverträglichkeit. Mich plagt der Gedanke, dass ich das, was ich tue, nicht tun darf. Klingt idiotisch, ist aber leider so.

Ich habe noch viel vor und viel zu lernen. Ich werde Bücher schreiben, über das Scheitern, über das anders Sein und das geistige Wachstum. Und ja, evtl. auch über die alternative Lebensform… 
Ich werde meinen Plan verfolgen, per House-Sitting oder Work-and-Travel durch die Lande zu kommen und mir auf allen erdenklichen Wegen kleine und große Geldquellen zu erschließen. Im wesentlichen werde ich mir Schritt für Schritt meinen ganz eigenen, einmaligen Weg der alternativen Lebensführung erschließen. Für diesen Weg gibt es keine Vorgaben und er taucht in keinem Navigationssystem auf. Er ist eigentlich ganz leicht und dennoch voller Herausforderungen. Eben weil es für mich so schwierig ist, mich von dem Gedanken frei zu machen, dass ich etwas unmoralisches tue, indem ich keinem regulären Vollzeitjob nach gehe.

Viele Leute bewundern mich für meinen Mut, obwohl es mich wesentlich mehr Mut kosten würde, mich wieder in ein normales Leben zu integrieren. Dieser losgelöste Lebensstil fühlt sich für mich sehr natürlich an. Als wäre ich dafür geschaffen. Als würde ich direkt von einem Nomadenvolk abstammen.
Ich bin fest entschlossen, meine Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Für die Allgemeinheit und für mich selbst. Ich habe nach schlappen 47 Jahren Lebenszeit tatsächlich heraus gefunden, dass ich nicht nur den Teil meiner Begabungen nutzen kann, der sich in Lohnzetteln auszahlt. Ich bin ein Multitalent. Ich kann prima Imagetexte schreiben, Websites konzipieren, gestalten und programmieren, Druckvorlagen erstellen, Logos und umfassende Corporate Designs für große Firmen entwerfen. Im Prinzip kann ich so ziemlich alles entwerfen, vom Vibrator bis zur Luxusyacht, von der Einbauküche bis zum Rockeroutfit. Ich habe Zahntechnik und Kartographie gelernt, kann kellnern, zeichnen, fotografieren, tischlern und prima Vorträge halten. Ich habe zwei Bücher geschrieben und im Internet veröffentlicht. Ich besitze die Fähigkeit, die Wahrheit hinter einer Aussage oder Nachricht zu erkennen, und Gedanken zu lesen und kann manchmal erstaunlich präzise Ereignisse voraussehen.

Sicherlich ließe sich mit all diesen Begabungen auf unterschiedliche Weise Geld verdienen. Doch gibt es diverse Haken. Da wäre zum Beispiel das Thema Nachhaltigkeit. Es macht mich verrückt, wenn ich Dinge produzieren soll, die der Umwelt schaden, Menschen ausbeuten oder Massentierhaltung unterstützen. Ich mag es nicht, schrottige Artikel herzustellen oder zu bewerben, die kein Mensch wirklich braucht. Was ich tue, sollte auch niemanden behindern, unterdrücken oder verunglimpfen. Selbst meine satirischen Texte nicht… Ich will ich meine Talente außerdem nicht nur gegen Geld tauschen, sondern auch gegen Glück. Und das bedeutet zum Beispiel, dass ich mich nie auf eines meiner Talente begrenzen könnte. Wenn ich dazu gezwungen werde, bekomme ich unglaubliche Panik und blockiere auf allen Ebenen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass meine Kreativität leidet, sobald ich ein Preisschild dran hängen oder mich für einen Bereich entscheiden muss. Aber grundsätzlich ist natürlich überhaupt nichts dagegen einzuwenden, Talente zu Geld zu machen.

Unter den Tätigkeiten, bei deren Ausübung ich pure Glückseligkeit verspüre, sind auch viele, die man offiziell nur als Coach, Psychologe oder Guru zu Geld machen kann. So kann ich zum Beispiel anderen Menschen Unterstützung in so ziemlich allen Lebenslagen bieten und ihnen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Ich kann Geschichten erzählen und gut zuhören. Ich kann Anderen ein Beispiel sein, dafür, dass man sich seine Freiheit einfach nehmen darf. Dass man sein Glück nicht nur als braves Herdentier mit Burnout-Syndrom einfordern darf. Man darf, man muss, sein eigenes, persönliches und einmaliges Leben praktizieren. Und man muss kein Musterkonsument sein um die reichsten der reichen Wirtschaftsbosse noch reicher zu machen. Leistung hat viele Facetten. Doch in den Industrieländern wird Leistung leider noch mit Arbeitsstunden gleich gesetzt. Wer arbeitet, bis zum Umfallen, ist fleißig, wer arbeitet und dabei Gewinn erwirtschaftet ist leistungsstark. Doch was ist mit der Leistung, die nicht per Lohnsteuerkarte oder der schicken Visitenkarte eines CEO belegbar ist? Hausfrauen und -männer, Menschen, die Angehörige pflegen, und ehrenamtlich Tätige können ein Lied davon singen.
Ich bin ein Freidenker und werde auch den Rest meines Lebens die wildesten Ideen produzieren.

Ich glaube an Menschen und nicht an Konzerne. Ich glaube an Empathie und nicht an Konkurrenzkampf. Ich stehe für Freiheit und Selbstverwirklichung und nicht für messbare Ergebnisse. Große Teile der Menschheit ächzen unter ihrer Belastung durch Arbeit und Familie. Manche schuften rund um die Uhr, um gegen miese Bezahlung unnütze Dinge zu produzieren und können sich oder ihre Familie nur kaum über Wasser halten. Auch in unserer vermeintlich reichen Industriegesellschaft!

Einige Menschen machen sich tatsächlich darüber Gedanken, wie wir uns als Gesellschaft aus dem teuflischen Kreislauf aus Leistung und Konsum und mieser Bezahlung und noch mehr Leistung befreien können. Die einen tun es als Wissenschaftler/innen und Denker/innen, die anderen probieren einfach aus. Ich gehöre zur letzteren Gruppe. Ich probiere aus und arbeite mich sukzessive aus dem bestehenden System heraus. Das soll nicht zum Schaden der Gesellschaft sein, doch ist völlig klar, dass unser altes Solidarsystem längt in dem oben erwähnten, irgendwie diabolischen Kreislauf geraten ist. Wenn man sich also nicht traut, aus dem System auszuscheiden, weil man die anderen nicht zusätzlich belasten will, dann geht man unbewusst einen faulen Kompromiss ein. Das ist, als ob eine Gruppe Leute bis zum Hals in einer Güllegrube steht und sich keiner traut heraus zu klettern, weil dann der Pegel steigt. Das ist pervers. Vor allem, da die Tierfabrik ständig für Güllenachschub sorgt. Es endet nie, es sei denn man hat den Mut, als erster auszusteigen. Im Idealfall steigen die anderen auch mit aus. Es sei denn, sie fühlen sich wohl. Ist ja auch schön warm in der Güllegrube.
Niemand ist gezwungen, das bestehende System weiter am Leben zu halten. Wer das tun möchte, soll aber bitte nicht die Aussteiger für seine eigene Unfähigkeit zur Veränderung verantwortlich machen.

Ich habe dennoch vollstes Verständnis dafür, dass vor allem Menschen mit familiären Verpflichtungen tendenziell keine Lust auf Revolution haben. Sie müssen teilweise gewaltige Herausforderungen schultern und kommen in ihrem Hamsterrad wirklich nicht auf andere Gedanken (was ja Teil der Strategie des Hamsterrad-Systems ist). Ich biete ihnen an, einfach für sie mit zu revoltieren.
Doch wie gesagt, muss jedes Exemplar von Menschlein seinen eigenen weg finden. Ein jeder trägt die Verantwortung für sein Glück. Auch eine Revolution kann nie für alle etwas gutes bewirken, dazu sind die Bedürfnisse der Menschen einfach zu unterschiedlich. Der Witz ist, dass theoretisch tatsächlich jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, sein Glück zu produzieren. Leider sind irgendwann mal ein paar Leithammel auf die Idee gekommen, dass ahnungslose und verängstigte Schäfchen leichter zur Folgschaft gezwungen werden können. Man bestach den Wolf heimlich mit Opferlämmchen, damit er gelegentlich ein bisschen um die Herde herum schlendert. Dann hat man den Gruppenzwang ganz clever mit ein paar Ausflügen auf nahe gelegene Blümchenwiesen versüßt und schon dachten alle Schäfchen, dass das Leben außerhalb der Gruppe nicht erstrebenswert ist.

Ich würde meine Ideen von Veränderung deshalb auch unglaublich gerne auf Unternehmensebene transportieren. Ich würde von Ort zu Ort, von Unternehmen zu Unternehmen ziehen und für sie neue Ideen kreieren. Für Produkte, für das Miteinander, für Veränderungen und einen Neuanfang. Ich würde davon erzählen, wie man auf wirklich neue Gedanken kommt. Wie es ist, immer mal wieder auf den Hintern zu fallen und trotzdem weiter zu machen. Mit neuen Ideen, statt mit alten Strukturen. Viele Unternehmen reiten zwar die Luxus-Welle der Fehlerkultur und ködern ihre Belegschaft mit allerlei neumodischem Schnickschnack, doch häufig nur deshalb, damit die Schäfchen von sich aus wie die irren schuften – um die Zuwendungen auch wirklich wert zu sein. Wenn jemand mit allzu wilden Ideen kommt, wird er meistens trotzdem gefeuert.

So, das wars fürs erste. Wir fassen zusammen: die alternative Lebensform ist ein lebendiges, organisches Etwas, das jeder für sich neu erfinden muss. Man kann sich an vorhandenen Beispielen orientieren, sollte aber schließlich seinen eigenen Weg gehen. Denn es ist so enorm wichtig für diese Welt, dass jeder Mensch auch wirklich seinen individuellen Beitrag leistet. Warum sonst haben wir unterschiedliche Talente und Interessen?
Wir müssen von alten Vorstellungen los kommen. Vor allem davon, dass der Wert eines Menschen nur an seiner bezahlten, versteuerbaren Arbeitszeit gemessen wird. Davon, dass unsere Spezies grundsätzlich faul und dämlich ist. Davon, dass unsere Fähigkeiten Geschlechter spezifisch und nicht persönlichen Charakters sind. Und erst recht davon, dass es zu dem System aus Konsumzwang, gezielter Fehlinformation und Denunzierung von Kritikern und Querdenkern keine Alternative gibt. Und nein, Barrieren bestehen nicht nur in unseren Köpfen. Es gibt sie überall. Aber die Barrieren im Kopf sind schlimmer als die da draußen. Wer glaubt, in seiner Freiheit eingeschränkt zu sein, wird es im Außen auch bestätigt bekommen. Deshalb ist es so wichtig, in den eigenen Gedankengebäuden ein paar Wände einzureißen. Ich fasse mich gerade an meine eigene Nase… Eine alternative Methode ist es, einfach mit dem, was man erreichen will, anzufangen. Während ich unsichere kleine Schritte in Richtung Freiheit (meine alternative/losgelöste Lebensform) unternehme und in meinem Gedankengebäude immer größere Löcher in die Wände haue, taste ich mich in unbekanntes Terrain vor. Ziel ist es, das Gedankengebäude völlig nieder zu reißen. Keine Vorstellungen mehr davon zu haben, was wie zu sein hat, sondern von innen heraus zu leben und zu wirken. Im Einklang mit mir selbst und dem Rest der Welt. Diesen Weg nenne ich Leben. Irgendwann ist es vielleicht nicht mehr alternativ, sondern Standard. Im Einklang mit allem zu sein, bedeutet das Ende aller Konflikte. Die meisten Menschen können sich das überhaupt nicht vorstellen. Macht nichts. Der Weg ist das Ziel. Jeder muss auf seiner eigenen Baustelle wirken. Doch bin ich davon überzeugt, dass es eine Menge gutes bewirken kann, wenn wir Menschen grundsätzlich offener werden und aufklärerischen Bewegungen mehr Raum geben.
Das ist so ähnlich wie mit den Zootieren. Würden die Pfleger alle Gehege öffnen und den Zoo verlassen, würden einige Tiere sofort verschwinden, aber viele würden verweilen und bis zum Hungertod auf die nächste Fütterung warten. Manche Tiere würden vielleicht erst nach einer Weile auf die Idee kommen, sich vorsichtig nach draußen zu tasten.
Ergo: unterschiedliche Charaktere gehen unterschiedliche Wege und das ist in Ordnung. Doch liegt es auf der Hand, dass diejenigen, die lieber ihre Freiheit wollen, von denen, die sich blind in ihr Schicksal ergeben haben, keine Unterstützung erwarten können. Warum sollte es umgekehrt nicht genauso sein? Also lautet die Antwort auf meine Frage zum Anfang dieses Artikels: ja, ich darf das! Ich erteile mir hiermit offiziell die Erlaubnis zur alternativen Lebensform.

Ich bin zwar eher ein Freund vom eigenen Denken, möchte hier dennoch ein berühmtes Zitat von Steve Jobs anhängen. Denn ich finde, er hat mit seinen Worten den Nagel auf den Kopf getroffen. Stay hungry, stay foolish hat er gesagt und als ein Vorreiter in Sachen Innovation wusste er um die Bedeutung des närrisch-seins, wenn man Zukunftsmusik komponieren will. Dass närrisch-sein in Deutschland nur zur Karnevalszeit erlaubt ist, halte ich für sehr bezeichnend. Um bei den Deutschen keine Irritation auszulösen, wird sein Spruch deshalb gerne mit Bleib hungrig, bleib tollkühn übersetzt, aber das ist wirklich närrisch.