Der Feuerberg – Nachhilfe im Gruseln

Ich hatte das Feuer vom Haus aus gesehen und mit Anbruch der Nacht sah es so aus, als würden sich die Flammen in meine Richtung durchfressen. Ich war alleine, konnte niemanden um Rat fragen und hatte keine Ahnung, was auf mich zukommen würde… Eine Gruselgeschichte aus meinem feurigen Sommer in Portugal.

Einen Abend Ende August, fing der Wald auf einem Berg in der Nähe Feuer. Die ganze Nacht hindurch stand ich stündlich auf, ging zum Fenster und sah, wie das Feuer mehr und mehr von dem Bergwald vernichtete. Irgendwann stand der Berg auf fast der gesamten mir zugewandten Westseite in Flammen. Am Blaulicht der Feuerwehrautos konnte ich beobachten, wo sich die Löschtrupps gerade vorwärts kämpften. So lange keine Gefahr für Menschen, Tiere oder Gebäude besteht, lässt man die Wälder oft kontrolliert abbrennen, doch befinden sich in der Gegend vereinzelte Bauernhöfe und ein kleines Weingut.

Im Morgenlicht des folgenden Tages konnte ich erkennen, dass die Dunkelheit der Nacht mir einen optischen Streich gespielt hatte. Zwischen dem brennenden Berg und meinem Haus lagen einige Hügel und mehrere Kilometer Distanz; ergo hatte ich mich völlig zu unrecht gefürchtet. Gegen Abend war das Feuer dann auch endlich unter Kontrolle und in der anschließenden Nacht konnte ich trotz einiger Brandnester wieder ruhig schlafen. Doch das Ganze hinterließ einen bleibenden Eindruck bei mir.

Drei Tage nach dem Brand machte ich mich auf den Weg zu dem Feuerberg. Ich wollte sehen, was die Flammen angerichtet hatten, denn seit dem verheerenden Waldbrand in der Lüneburger Heide im August 1975, verfolgte mich eine furchtbare Angst vor derartigen Ereignissen. Ich wollte mich der Realität stellen, um meine Fantasie zu beruhigen und damit die Ängste loszuwerden. Doch so ganz klappte das nicht.

Hollywood lässt grüßen

Weil man in den Bergen zwar eine prima Sicht auf die Ferne hat, aber vor Ort durch den Wald irrt und nicht sieht, wo auf dem verdammten Berg man gerade ist, dauerte es lange, bis ich mich mit meinem tief liegenden Sportwagen über steile und unwegsame Schotterwege nach oben gearbeitet hatte. Als ich das besagte Weingut erreichte, kam ich auf eine schmale asphaltierte Straße. Ich bog um eine Kurve und war auf einmal von dichtem Nebel des frühen Tages umgeben.
Langsam fuhr ich immer weiter und weiter bergauf und fing an, mich zu gruseln. Ich musste an Horrorfilme aus Hollywood denken und wäre am liebsten geflüchtet. Doch konnte ich vorerst keine Stelle zum wenden finden und hoffte inständig, dass kein Irrer mit einer Axt auf mich wartete.

Plötzlich war ich am Ziel. Durch den wabernden Nebel hindurch sah ich verkohlte Baumstämme in den Himmel ragen, links und rechts von der Straße war fast alles pechschwarz. Nur vereinzelt standen noch grüne Ginsterbüsche und Pinien da, manche Gewächse waren teils verkohlt, teils grün. Das Feuer muss sich an einigen Stellen enorm schnell den Berg rauf gefressen haben. Dort, wo es sich Zeit gelassen hatte, war außer Schwärze nichts mehr.
Die Sonne schien hier und da ganz leicht durch die Nebelwolken und verwandelte die Szenerie in eine wahrlich gespenstische Kulisse. Ich bekam so panische Angst, dass mir das Herz bis zum Hals schlug.

Ich wollte aber nicht ohne Beute flüchten. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, parkte den Puschen einfach auf der schmalen Straße und stieg aus, um schnell ein paar Fotos zu machen. Da stand ich nun, in den Nebelwolken auf rund 700 Metern Höhe und betrachtete die schrecklich zugerichtete Natur. Bis auf den Nebel bewegte sich nichts. Absolut gar nichts. Kein Vogel war zu sehen oder zu hören, kein Insekt flog vorbei, kein Tier raschelte im Gebüsch. Um mich herum herrschte völlige Stille.

Irgendwann hatte ich genug von meinem Mut und wollte mich nur noch vom Ort des Grauens entfernen. Ich folgte der kleinen Straße weiter den Berg entlang und wünschte mir bei jeder Kurve, dass dahinter das Szenario ein Ende hat.
Schließlich war ich auf der Nord-Ost-Seite des Berges angelangt. Der Nebel war verschwunden und die Sonne schien aus allen Knopflöchern. Auf einer Weide stand ein alter Mann mit seiner Ziegenherde. Die Flammen waren direkt vor seinem Grundstück gestoppt worden, komplett verkohlte und vor dem Feuer gerettete Bereiche nur Zentimeter voneinander getrennt. Unmittelbar musste ich mich in die Situation des Ziegenbesitzers hinein versetzen, als die Feuerwalze ein paar Tage zuvor seinen kleinen Hof bedrohte. Ich stellte mir vor, was für eine große Angst er um sich, seine Tiere und sein Hab und Gut gehabt haben muss. Aber wahrscheinlich hatte er das Ganze mit der typisch portugiesischen Gelassenheit hingenommen.

Fotos vom Feuerberg

Ribeira de Pena 2017, nach dem Waldbrand