Das Sprungbrett

Viele Menschen fragen, warum ich nach Görlitz gezogen bin. Es gab eine Zeit, da habe ich mich das auch gefragt. Doch schließlich sind wir Freunde geworden. Alles im Leben hat seinen Grund. Und schließlich wurde Görlitz mein Sprungbrett in ein artgerechtes Leben.

Aufbruchsstimmung im Gepäck

Manchmal ergreift mich eine Aufbruchsstimmung, der ich nie lange Stand halten kann. Normale Menschen packen dann einfach ihre Koffer. Ich packe Umzugskartons. Aber das reichte irgendwann nicht mehr. Denn es kam das Jahr 2014 und mit ihm der ganz große Frust. Im Job, im Alltag, in der Wohnsituation. Ein größerer Umbruch musste her. Ein Wohnsitzwechsel kombiniert mit einem Neuanfang.

Die Stadt Görlitz kannte ich bereits von ein paar Wochenendreisen mit einem ehemaligen Lebensgefährten, der zu DDR-Zeiten dort gewohnt hat. Mitte Juli 2014 schwang ich mich zu ihm ins Auto, als er mal wieder Richtung Osten aufbrach. Eigentlich wollte ich nur die Seele baumeln lassen, aber ein spontaner Besuch beim Heiligen Grab hob mich emotional aus den Angeln. Und das, obwohl ich nicht mal in der Kirche bin…

Am Heiligen Grab

Bekannterweise wurden heilige Orte an so genannten „Kraftorten“ erschaffen. In diesem Fall muss es jedenfalls so gewesen sein. Das ganze Gebäudeensemble wirkt magisch anziehend auf mich.

In der Adamskapelle steht ein Epitaph, der dem geistigen und finanziellen Stifter des Heiligen Grabes gewidmet ist. Dem edlen Herrn Georg Emerich. Darauf steht unter anderem folgender Auszug aus dem Psalm 18: DER HERR FÜHRET MICH AUS INN DEN RAUM, ER REIS MICH HERAUS, DENN ER HATTE LUST ZU MIR.

Na ja. Nachdem ich den Satz gelesen hatte, waren alle meine Fragen beantwortet. Drei Tage Urlaub in Görlitz, und mein Entschluss stand fest: ich ziehe in den Osten.

Acht Wochen später stand mein Umzugsauto vor meiner neuen Adresse. In der Zwischenzeit hatte ich meinen Freelance-Job bei einem Magazin abgewickelt, Nachmieter für meine alte Wohnung gefunden, eine neue Wohnung und einen Vollzeitjob in Görlitz bekommen. Ich hatte den meisten meiner Kunden die Zusammenarbeit gekündigt, um fortan nur noch nebenberuflich für ein paar langjährige Premiumkunden zu arbeiten.

Doch mit dem Umzug kam die ganz große Ernüchterung.

Enttäuschung für Fortgeschrittene

Mein Handy hatte an der neuen Adresse kein Netz (nada…), der versprochene Festnetzanschluss samt Internet-Flatrate von 1und1 kam nicht zustande, weil das Festnetz in der Wohnung nicht verfügbar war (echt jetzt) und der neue Vollzeitjob als Kellnerin entpuppte sich als eine totale Fehlentscheidung (ich kam in dem Restaurant nicht zurecht). Nach nur zwei Wochen saß ich ohne Geld, Job, Krankenversicherung, Telefon, Internet, Freunde und bar jeder Hoffnung auf Besserung in Görlitz fest. Nur noch die Entführung in einem Raumschiff hätte mich retten können. Also nahm ich mir einen kompletten Nervenzusammenbruch und überlegte ernsthaft vom Viadukt zu springen.

Wie unschwer zu erraten ist, habe ich den Sprung vom Viadukt vertagt. Ein Freund aus der alten Heimat entpuppte sich als Retter in der Not und gab mir einen Teilzeitjob mit Heimarbeitsplatz. Somit war ich wieder krankenversichert und mit Aufträgen von meinen Bestandskunden konnte ich wieder ein bisschen Geld als Grafik-Designerin verdienen. Alles in Allem brauchte ich aber schnellstmöglich wieder ein höheres Einkommen. Miete, Kredite und Lebensunterhalt wollten schließlich finanziert werden.

Da gute Arbeitsangebote in Görlitz tendenziell in Museen präsentiert werden, verschlug es mich wieder in die Gastronomie. Und siehe da: ich fand eine Arbeitgeberin, die sich meiner annahm, Kolleginnen, die hilfsbereit waren und eine Arbeitsatmosphäre, die meiner Sensibilität entgegen kam. HAPPY END.

Leider kann man am Ende eines Alptraums einfach zum nächsten über gehen. So kam es, dass sich bald gesundheitliche Probleme der sehr hinderlichen Art einstellten und ich nach 10 Monaten auch den Job wieder aufgeben musste. Aber immerhin hatte ich inzwischen Freunde gefunden, die Kasse aufgebessert und gelernt, dass ich doch Gastronomie kann.

Schreiben als Plan-B

Ein Plan B bezüglich meiner Arbeitssituation wollte sich nicht finden lassen. Bei dem Gedanken in einer Werbeagentur oder Druckerei zu arbeiten, bekam ich Panikattacken, in die Gastronomie konnte ich wegen meiner gesundheitlichen Situation nicht zurück und eine geeignete Alternative schien trotz diverser kreativer Ansätze nicht in Sicht.

Schließlich beschloss ich Schriftstellerin zu werden.

Ich hatte im Jahr 2007 schon mal eine Geschichte verfasst. Die war damals als Foto-Love-Story geplant. Beim Schreiben der Story hatte ich den Spaß meines Lebens und spürte, dass Worte ein tolles Spielzeug sind. Allerdings war die Urfassung meines Buches kein Pulitzer-Preis verdächtiges Projekt und so schlief es auf der Festplatte meines Rechners den Dornröschenschlaf.

Bis ich meine Muse kennen lernte.

Meine Muse ist Künstlerin und ein echter Schöngeist. Sie besitzt die Weisheit einer ganzen Bibliothek und die Hingabe eines Kindes. Sie hat mein Buch gelesen und mich dazu inspiriert, das Manuskript nach einer kleinen Überarbeitung an Verlage zu schicken.

Aber dazu kam es nicht. Ich fing an, den Plot umzuschreiben. Aus der Foto-Love-Story wurde ein richtiges Buch. Aus einem Buch wurden zwei Bücher. Ich schrieb und schrieb und hörte nicht auf. Die Geschichte bekam Tiefe und Farbe. Die Protagonisten Lara und Jimmy erhielten Kontur. Sie wurden lebendiger und facettenreicher. Ich überarbeitete die Story 20 mal, 30 mal und konnte nicht genug bekommen. Mein Hang zur Perfektion übernahm die Kontrolle.

Ich fing an, mich mit dem Verlagswesen zu beschäftigen und fand heraus, dass noch kein Bestsellerautor vom Himmel gefallen ist. Ich wollte aber keinesfalls auf die Wünsche der Verlagshäuser eingehen. Ich wollte keine Autorenworkshops besuchen, keine Vorgaben erfüllen.

Auch eine Veröffentlichung im Selbstverlag fand ich idiotisch.

Wer, wenn nicht ich, sollte aber eine kreative Lösung finden…?

Publizieren im Selbstverlag – online

Ich beschloss, meine beiden Bücher ganz einfach online zu publizieren. Browserbasiert und für Alle zugänglich. Ich wollte Bilder und Videos, Soundfiles, interessante Verlinkungen und sonstige Gimmiks einpflegen. Ich wollte die beiden Protagonisten aktuelle Blogeinträge schreiben lassen und so ein lebendiges Projekt erschaffen.

Also kaufte ich ein WordPress-Theme, stellte meine Texte und erste Bilder ein, entwarf ein Logo und fertig war das Rauschengel-Projekt.

Als Einkommensquelle plante ich ein tolles Konstrukt aus Spendeneinnahmen, Affiliate Marketing und den Verkauf von Werbeplätzen. Ich wollte per Crowdfunding Geld für die Umsetzung als Foto-Love-Sory einsammeln und so meine ursprüngliche Idee umsetzen.

Doch dann kamen die Hindernisse.

Wieder kein Happy-End

Ich fing an zu zweifeln, ob sich überhaupt jemand für meine Bücher interessieren würde und bekam eine fette Schreibblockade. Außerdem kamen mir andere Projekte und mal wieder gesundheitliche Probleme in die Quere.

Schließlich trieb mich das Gefühl der völligen Unzulänglichkeit so in die Enge, dass ich beschloss, wieder einen Bruch vorzunehmen. Einen Ausbruch nach Maß. Dieses mal ohne Umzugsauto. Am liebsten ohne Alles. Ein Road-Trip in meinem geliebten Auto. Nur der Puschen und ich und das Nötigste zum Leben. Das wäre Klasse!

So wurde das Projekt Kernfraktur geboren. Ich würde als Digitalnomade von unterwegs arbeiten. Ich würde ein Blog schreiben und über meine Reise berichten. Ich würde berühmt werden und mit Affiliate-Marketing und dem Verkauf von Werbeplätzen viel Geld verdienen.

Mal sehen…